Nesthocker im biblischen Alter

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Hotel Mama
Im Hotel Mama lebt es sich ausgezeichnet - aber selbst mit 30 keine eigene Bude haben? Foto: Schimmel/Fotolia

Morgens liegen frisch gewaschene und gebügelte Hemden bereit, abends nach einem langen Arbeitstag wartet eine warme Mahlzeit. Der Kühlschrank füllt sich wie von selbst. So ist Hotel Mama. Mit etwas Glück können außerdem die Leistungen des Taxiunternehmens oder wahlweise auch Autoverleihs Papa in Anspruch genommen werden. Und das alles zu einem sagenhaft günstigen Preis. Das Leben kann so einfach sein.

Die Argumente fürs Nesthockerdasein sind klar. Trotzdem ist es überraschend, dass jeder dritte Volljährige unter 30 noch bei Mami und Papi wohnt. Genau das ergibt eine Studie des Immobilienportals immowelt.de. Im achtstufigen Gymnasium liegt das Durchschnittsalter der Abiturienten bei etwa 18 Jahren, mit durchschnittlich 21 beginnt laut Bundesministerium für Bildung und Forschung das Studium. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Auszubildenden ebenfalls ihren Abschluss in der Tasche – die perfekte Gelegenheit, das Nest zu verlassen und auf eigenen Beinen zu stehen. Und doch tun es 34 Prozent der unter 30-Jährigen nicht! Überhaupt wohnt jeder neunte Erwachsene bis 65 noch bei den Eltern – wenn auch zum Teil in einer Einliegerwohnung oder zumindest einem separaten Bereich. Die Mehrheit der Nesthocker schläft allerdings im alten Kinderzimmer. Ob aus Bequemlichkeit oder Nostalgie sei einmal dahingestellt.

Warum bleiben so viele junge Menschen so lange bei den Eltern und verzichten auf Unabhängigkeit und ein eigenes Leben? Scheinbar übt eben jene Unabhängigkeit nicht auf jeden einen großen Reiz aus. Es gibt in der Literatur noch ein anderes Motiv, so heißt es in der Bibel: „Ein Mann wird Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen“. Ziehen Kinder also nur dann bei ihren Eltern aus, wenn sich jemand anderes bereit erklärt, die Wäsche zu waschen, beziehungsweise Wasserkästen zu schleppen? Wir riskieren einen wagemutigen Blick auf das Heiratsalter der Deutschen: Männer sind 33, Frauen 30, behauptet Wikipedia. Und tatsächlich: Auch in der Studie von immowelt.de sinkt die Zahl der Nesthocker, die Ü30-Partys besuchen dürfen rapide: nur noch sechs Prozent der 30- bis 39-Jährigen, vier Prozent der 40- bis 49-Jährigen und nur zwei Prozent der über 50-Jährigen strecken ihre Füße Tag für Tag unter dem Tisch der Eltern aus. Freilich könnte das auch andere demographische Gründe haben…

27.02.2013


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